BIODIVERSITÄT  |  von Ute Stumm

Die Königsdisziplin des Gärtnerns

Gießt man eigentlich Straßenbäume?


Auf einer Fachtagung formulierte es Isolde Feilhaber vom Pflanzenschutzamt Berlin einst so: "Wässern – das ist die Königsdisziplin des Gärtnerns." – Und aus meiner langjährigen Berufspraxis kann ich berichten, dass es eines der schwierigsten Themen im Bereich des Gärtnerns ist. Denn es gibt einfach kein allgemeingültiges Rezept. Es gibt viele Faktoren, die man bei der Bewässerung von Freilandpflanzen bedenken muss. Und genau deshalb ist das nachhaltige, wassersparende und richtige Bewässern von Gartenpflanzen so schwierig zu erlernen.



Leider ist mein Vorsatz, mich zu diesem Thema möglichst kurz zu fassen, gnadenlos gescheitert. Aber schon als Annette kurz nach unserer Veranstaltung zum Weltwassertag im LIO auf mich zu kam und mich gefragt hat, ob ich nicht für uns alle eine Gießanleitung für die Straßenbäume schreiben kann, ahnte ich, dass ich diese nicht schreiben kann. Zum Glück hat sie weder meinen erschrockenen Gesichtsausdruck noch meine Arme gesehen, die himmelwärts flogen.

Die Riesen der Straße sind das Schönste an Berlin

Berlins unzählige Straßenbäume gehören für mich zu dem schönsten was die Stadt zu bieten hat und gleichzeitig sind sie das schlimmste und schwierigste Thema der Stadtnatur.  


Als ich 1992 nach einer abgeschlossenen Gärtnerlehre beschloss, meine Karriere mit einem Studium fortzusetzten, nahm ich trotz besserer Angebote, einen Studienplatz in Berlin an. Ich hatte mich in diese wilde, offene, im Wandel und Aufbruch befindliche Stadt bis über beide Ohren verliebt. Meinen ersten Mai in Berlin, 1993, verbrachte ich fast nur auf Straßen. Ich musste diese Stadt erlaufen, stieg an U-Bahnhöfen aus, nur um zu sehen, wie es denn eigentlich oben auf der Straße aussah. Und dabei entdeckte ich unsere Riesen der Straßen. Die ganze Vielfalt von Formen, Farben und auch die enorme Größe der Stadtbäume haben mich schier überwältigt.  Und es fühlt sich jeden Frühling wieder so an. Ich liebe es, wenn die Straßen ergrünen.

Foto: Ute Stumm - Paulinenstraße

Dabei war für mich, aus dem Rheinland kommend, der Berliner Sandboden gärtnerisches Neuland. Das geringe Wasserspeichervermögen, damals noch kontinentales Klima mit kalten Wintern im Dauerfrost und deutlich weniger Regen als im Rheinland, brachten mich an den Anfang allen Gärtnerns zurück.


Die letzten Jahre in Berlin waren nun wieder eine Herausforderung und so gilt es wieder einmal alles neu zu denken. Extreme Trockenheit und schon früh sommerliche Temperaturen zeigen sich mittlerweile sehr regelmäßig. Wassermangel während des Austriebs ist sehr ungünstig. Denn Stress ist für unsere Straßenbäume ohnehin ein Dauerthema.

Aber wie geht es unseren Stadtbäume eigentlich?

Die Flächen vieler Baumscheiben sind viel zu klein und werden mit zunehmendem Wachstum auch selten vergrößert.  


Die Bodenoberfläche der Scheiben oder grünen Unterstreifen unter den Bäumen sind oft unterschiedlichsten Belastungen ausgesetzt.  Vom regelmäßigen Betritt, Abstellen und Lagerung von Materialien, müssen Bäume auch das tägliche ein- und ausparken von kleineren und größeren Fahrzeugen ertragen.



Eigentlich sind das schon genug Gründe für einen aktive Flucht. Aber Straßenbäume müssen auch noch sehr regelmäßig kleine und größere Mengen Urin ertragen und nach Wintern wie diesem, auch noch die eingespülte Salzsole überleben. Dass alles führt, dazu, dass Stadtbäume deutlich kürzer leben als ihre freistehenden Artgenossen.

Bäume sterben langsam und oft unerkannt

Aber Bäume sterben langsam und so fällt uns vielleicht gar nicht auf, wie sie langsam abbauen und schwächer werden.


Straßenbäume werden laut Aussage des Grünflächenamtes Mitte im Schnitt nur noch 60 Jahr alt. Meine Recherchen hatten ergeben, dass Bäume an Straßen nur 1/3 der Lebensspanne von Bäumen in ihrer natürlichen Umgebung haben. Das ist für Bäume kein besonders hohes Alter. Weiß man doch zum Beispiel, dass die Kaisereiche in Friedenau 1879 gepflanzt wurde, mittlerweile dort also seit 147 Jahren steht. Die Perspektiven für Straßenbäume verschlechtern sich also stetig.

100-jährige Buche benötigt 400 Liter Wasser pro Tag

Wenn wir nun darüber nachdenken, ob wir tatsächlich die Riesen der Straßen zusätzlich mit Wasser versorgen wollen, dann ist vielleicht noch beeindruckend zu wissen, dass Berliner Straßenbäume im Schnitt 30.000 Blätter haben, die für Schatten sorgen und damit die Stadt abkühlen.


Allerdings braucht eine ca. 100-jährige Buche, die parallel am Tag bis zu 15 kg Sauerstoff produziert, dann auch mal stattliche 400 Liter Wasser an einem sonnigen Tag. Ist dieser Tag besonders windig, steigt der Wasserverbrauch zusätzlich enorm.


Die 13-15 kg Sauerstoff reichen für ca. 10 Menschen. Übrigens erhalten wir diesen Sauerstoff kostenlos, einfach so als Abfallprodukt der Fotosynthese.


Ich muss gestehen, dass mich so manche Baumscheibe an Tiere im Zoo denken lassen. Wobei es diesen doch noch besser ergeht, denn sie werden gefüttert, bespielt und nicht beparkt und bepinkelt.  


Meine Idee für die Bewässerung der Bäume ist, dass ihr euch verschlaucht!

Empfehlung: 100-150 Liter Wasser pro Gießgang

Für einen Gießgang sollte ein Baum laut Empfehlung des Senates 75-100 l Wasser auf einem Mal bekommen. Ich würde euch sogar 100-150 l empfehlen. Denn das Wasser muss tief in den Boden laufen können, damit der Baum es aufnehmen kann.

 

Also verschlaucht euch, damit ihr die Bäume gelegentlich bewässern könnt. Mit einer einfachen Schlauchkupplung könnt ihr sehr lange Schlauchketten bilden, mit denen ihr besonders bedürftige Bäume in der heißen Trockenzeit des Jahres versorgen könnt.


Begrünte Baumscheiben lassen sich in aller Regel besser gießen, sie trocken auch nicht so schnell aus. Der Boden wird durch die Wurzeln des Bewuchses aufgelockert. Das Wasser kann leichter eindringen.

Offenen Boden könnt ihr oberflächlich, bis 10 cm auflockern. Nutzt dazu zum Beispiel einen Grubber oder ihr wässert an. Bedeutet, ihr startet mit einer kleineren Menge Wasser, lasst diese einsickern und gießt erst dann länger.

 

Es reicht, wenn ihr dies im Sommer insgesamt  3–4 mal macht. Damit wäre den Bäumen schon sehr geholfen.


Alte Bäume können je nach Art und Wurzelwerk mit ihrer Wurzel bis zum Grundwasser gelangen und versorgen sich meist gut selbst. Über einen kurzen Schauer freuen sie sich dennoch, denn die erhöhte Luftfeucht entspannt sie sehr.

Schärft eure Wahrnehmung

Pflanzen können unterschiedlich auf Trockenstress reagieren. Und das lässt sich gut erkennen, wenn man es erst mal gesehen hat. Manche rollen die Blätter in der Mittagssonne ein, andere lassen diese hängen. Die Silberlinde zum Beispiel dreht ihr Blatt um und zeigt uns ihre hellere Unterseite.

Schärft also eure Wahrnehmung und greift zu Hilfsmitteln.


Wie hoch sind die Temperaturen? Ist es windig gewesen? Ist die Luft besonders trocken? Zeigt „mein“ Baum vielleicht Anzeichen von Trockenheit, wie Blattrollen, Blattabwurf oder verfärbt er schon frühzeitig im Hochsommer zur Herbstfärbung?  


Trockenstress bedeutet immer auch Verlust von Reservestoffen für den Baum und kann so zu geringerer Vitalität führen.


Bäume sterben langsam. Achtet daher auf sie, schaut und horcht hin. Bildet Gießbanden, verschlaucht euch und freut euch über unsere Riesen an den Straßen. Sie sind es wert.


Lasst mich unbedingt wissen, wo eure Gießbanden aktiv sind und schickt gern mal Fotos. Ich will euch gern kennenlernen.

 

Wir sind vorbereitet und der Sommer kann kommen.

Eingerolltes Blatt bedeutet "Wasserstress"

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