
BIODIVERSITÄT | von Ute Stumm
Wir sind die Veränderung
So steht es groß auf unserer Webseite
Eine große Veränderung in meinem gärtnerischen Verständnis erfuhr ich während einer Fortbildung in den 2010er Jahren in der Bildungsstätte Gartenbau in Grünberg. Dort wurde das damals neue Konzept der Stadt Andernach, „Rheinland-Pfalz natürlich“, vorgestellt.
Nach dem Motto „Pflücken erlaubt statt betreten verboten“ suchte die Stadtverwaltung nach neuen Konzepten für schwierige innerstädtische Standorte und Andernach hat sie gefunden.
Flächen wie der Burggraben, zuvor teilweise ohne Bewuchs, vermüllt oder mit wenig attraktiven Bodendeckern bepflanzt, wurden in Flächen für Urban Farming umgewandelt. Gemüse wurde vorgezogen, in öffentliche Grünflächen gepflanzt und zur Ernte für die Bürger:innen freigegeben. Bis heute werden auf Andernachs öffentlichen Flächen erfolgreich Gemüse und Obst angebaut. Zudem wurden in diesem Rahmen neue Arbeitsplätze geschaffen.
Andernach hat Urban Farming nicht erfunden. Auch Großstädte wie die kanadische Stadt Vancouver starteten bereits 2008 erfolgreiche Urban-Farming-Projekte.
In Berlin gibt es ebenfalls kleinere und größere Gemeinschaftsgärten, die gemeinschaftliches Gärtnern, Umweltbildung und gelebte Nachbarschaft miteinander verbinden.

Auf der
Roten Insel in Schöneberg hat sich der Gemeinschaftsgarten „Inselgarten“ mit Pallettenbeeten einen wundervollen Ort zum Verweilen geschaffen. Gebaut auf einer vormals trostlosen und verschmutzten Fläche. Hier treffen sich Anwohnende, gärtnern gemeinsam und verbringen Zeit miteinander – direkt in ihrer Nachbarschaft. Welch großartige Umnutzung einer grauen, versiegelten Fläche.

Gemeinschaftsgarten wachsenlassen im Lützowkiez
Der Gemeinschaftsgarten wachsenlassen im Lützowkiez in Tiergarten geht noch einen Schritt weiter und verbindet Urban Farming mit dem Anbau von Wildpflanzen. Die angebauten Pflanzen werden von FÖJlerInnen , Kitagruppen und gartenbegeisterten Erwachsenen gepflegt und genutzt.
So können beispielsweise geerntete Wurzeln des Beinwells in Workshops weiterverarbeitet werden. Hier können Menschen Gemüseanbau kennenlernen und erleben, wie Pflanzen und Tiere miteinander verbunden sind. Wildbienen finden am Teich Baumaterialien für ihre Kinderstuben und ausreichend Pollen zur Versorgung ihrer Brut.
Gabriele Koll und ihr kleines, engagiertes Team haben mitten in der Stadt eine wertvolle Oase für Kinder, Menschen und Tiere geschaffen. Der Garten wird wissenschaftlich über das Projekt „Berliner Gemeinschaftsgärten gestalten Bestäuberschutz“ durch die TU München und das Museum für Naturkunde Berlin begleitet. Die letzten Monitorings haben ergeben, dass wachsenlassen eine der höchsten Artenvielfalten der teilnehmenden Gärten aufweist – ein echtes Juwel.
Solche Orte zeigen, wie viel Potenzial selbst in kleinen urbanen Flächen steckt. Gemeinschaftsgärten schaffen nicht nur Raum für Natur und Artenvielfalt, sondern auch Orte der Begegnung, der Bildung und der gegenseitigen Unterstützung im Kiez. Und auch wir von
Zukunftslust können uns einen Gemeinschaftsgarten in unserem Kiez vorstellen.
Welche Fläche würde sich bei uns besser eignen als... die Gärtnerstraße?
Ich möchte euch auf einen kurzen Spaziergang durch den Grünzug der Gärtnerstraße mitnehmen.
Heute beherbergt der Grünzug viele Birken, die in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen gepflanzt wurden. Einige Bäume sind bereits dem Birkenporling oder sehr trockenen Sommern der Vergangenheit zum Opfer gefallen.
Unter den Bäumen haben wir besonders in diesem Jahr einen hohen Aufwuchs verschiedenster Gräser. Leider setzt sich in diesem Bereich die Bastardluzerne sehr stark durch. Ein grünes, aber doch recht monotones Bild, das nur von wenigen Blüten unterbrochen wird.

Gärtnerstraße kurz vor Ecke Hartmannstraße

Beschädigte Asphaltdecke

Gärtnerstraße Ecke Marienstraße
Waldgarten am Ostpreußendamm
Die Entsiegelung des vorhandenen Asphaltbelages im Grünzug ist eines der wichtigsten Elemente für die Klimaanpassung im Kiez. Eine wassergebundenen Wegedecke kann Regenwasser unmittelbar aufnehmen und speichert die sommerliche Hitze nicht so stark, wie die derzeitige dunkle Asphaltdecke. Fußgänger und Radfahrer würden sich auch über eine Erneuerung des stark beschädigten Belages freuen.
Der untere Teil der Gärtnerstraße, direkt am viel befahrenen Ostpreußendamm gelegen, ist im Vergleich zum restlichen Grünzug deutlich breiter. Staub und Verkehrslärm könnten hier durch die Pflanzung eines Gehölzstreifens nicht nur die Aufenthaltsqualität für Anwohnende deutlich steigern, sondern auch Lebensräume für diverse Vogelarten schaffen. Das Mikroklima würde verbessert, die Beschaffenheit des Bodens könnte sich langfristig ebenfalls verbessern, da das Laub im Herbst im Bereich der Gehölze liegen bleiben kann. Regenwasser könnte besser versickern.
Mir schwebt dabei die Pflanzung eines essbaren Waldgartens nach dem Vorbild des Waldgartens Berlin-Britz vor. Es werden in diesem Bereich ausschließlich Gehölze verwendet, die Früchte tragen. Früchte, die sowohl uns Menschen schmecken als auch den Tieren im Kiez als Nahrung dienen.
Neben klassischen Obstgehölzen und besonderen alten Sorten können hier auch Apfelquitten, Mispeln, Haselnüsse, Kornelkirschen, Ebereschen und Johannisbeeren wachsen.
Dabei werden die Pflanzen so angeordnet, dass vom Ostpreußendamm beginnend eine Art grüner Wall entstehen kann. Der Ostpreußendamm wird dadurch abgeschirmt. Die Pflanzung läuft Richtung Hartmannstraße aus, wird niedriger und lichter und geht schließlich in eine offene Wiese über.
Ausfallende Birken könnten durch hochstämmige Obstgehölze ersetzt werden, sodass die Bank vor der Hartmannstraße zukünftig in einer kleine Streuobstwiese eingebettet wird.

Fotomontage: Waldgarten - Gärtnerstraße Ecke Hartmannstraße mit Blick in Richtung Ostpreußendamm
Das Herzstück: Der Gemeinschaftsgarten
Zwischen Hartmannstraße und Marienstraße entsteht das eigentliche Herzstück des Gemeinschaftsgartens Gärtnerstraße.
In diesem sonnigen und breiteren Bereich des Grünzuges sollen zukünftig Gemüse aller Art in niedrigen Hochbeeten angebaut werden. Vor Betreten und Hunden geschützt, werden diese Flächen in die bereits vorhandenen Baumlücken eingefügt.
Umgeben von Wildblumen, die unseren Bestäubern wie Wildbienen, Schwebfliegen und Käfern als Nahrung dienen, werden wir die Beete auch zur Fahrbahn hin einfassen. Dazu werden niedrig bleibende Gehölze wie Johannis- und Stachelbeeren gepflanzt, aber auch kleine Totholzhecken geschaffen.
Zusätzliche Strukturmodule wie Totholz sind für die Ansiedlung von Insekten sehr wichtig und liegen zum Teil bereits vor Ort bereit. Derzeit dienen sie noch als Parkverhinderer – ihre Umnutzung wäre jedoch problemlos möglich.
Sogar eine Verbreiterung der Fläche wäre in Richtung der Anwohnerfahrspur denkbar.
Neben dem gemeinschaftlichen Gärtnern bietet der umgestaltete Grünzug vielfältige Möglichkeiten der Umweltbildung. Angebote zum ökologischen Gärtnern, Wissenstransfer über den Anbau im eigenen Garten, sowie die Sicherung von Ernährungskompetenz könnten hier einen festen Platz finden.
Themen wie Permakultur, biologischer Gemüseanbau und deren Vermehrung könnten in diesem Bereich praktisch vermittelt und erlebbar gemacht werden.
Auch im Bereich des Gemeinschaftsgartens sollten zusätzliche Bänke und kleine Aufenthaltsorte sinnvoll eingebunden werden. Gemeinschaftliche Pflegearbeiten an den Beeten, gärtnerischer Austausch und Wissenstransfer – all dies kann hier vor Ort stattfinden. Auch die geplante Streuobstwiese ist ein Raum zum Verweilen.

Grünzug Höhe Hartmannstraße (Blick in südlicher Richtung) - vorher/nachher
Ein Nachbarschaftspark & Begegnungsort
So könnte nachbarschaftlicher Hitzeschutz funktionieren

Gärtnerstraße Ecke Marienstraße (Blick in südlicher Richtung) - heute
Der dritte Abschnitt des Grünzuges zwischen Marienstraße und Franzstraße ist schon jetzt gut mit Baumschatten versorgt, sodass sich dieser Teil in heißen Sommermonaten besonders zu einem klimaangepassten Nachbarschaftspark und Begegnungsort entwickeln lässt.
Von einem naturnah gestalteten Sitzbereich und schattenspendendem alten Baumbestand profitieren alle Anwohnenden des Kiezes. Hier können Begegnungen im Alltag durch zusätzliche Sitzmöglichkeiten gefördert werden.
Eine behutsame Erweiterung des Grünstreifens wäre auch hier denkbar, sofern Anwohnende auf einzelne Parkflächen verzichten möchten.
Bänke, kleine Holzpodeste, einfache Klettermöglichkeiten und Picknickwiesen, könnten den Grünzug zusätzlich für Familien mit Kindern attraktiv machen.
Orte der Begegnung, die auch während der Sommermonate aufgesucht werden können und in der Nähe unserer Wohnorte liegen, werden zukünftig eine immer wichtigere Bedeutung erlangen. Natürliche Kühlung und wohnortnahe Aufenthaltsorte zur Erholung in der heißen Stadt.

Vision von der Gärtnerstraße Ecke Marienstraße
Aus Visionen entsteht Zukunft
Alle drei Gartenbereiche des Grünzuges – der Waldgarten, der Gemeinschaftsgarten und der Nachbarschaftspark – können unseren Kiez hitzeresilienter machen, einen Beitrag zu unserer eigenen Versorgung leisten, Wissenstransfer ermöglichen, die Biodiversität fördern, Regenereignissen besser begegnen und uns als Nachbarschaft enger zusammenwachsen lassen.
Noch ist vieles davon eine Vision. Doch Zukunft entsteht dort, wo Menschen beginnen, ihre Umgebung gemeinsam neu zu denken. Vielleicht kann die Gärtnerstraße zu einem Ort werden, an dem Nachbarschaft, Natur und Klimaresilienz zusammenwachsen.






