BIODIVERSITÄT   |  von Annette Eni

Berlin sucht Ausweg aus der Dauerkrise

Eichenprozessionsspinner auch in 2026 eine Herausforderung für die Grünflächenämter


Der Eichenprozessionsspinner entwickelt sich in Berlin zunehmend von einem saisonalen Ärgernis zu einer dauerhaften Herausforderung für den Gesundheits- und Naturschutz.


Im Frühjahr und Sommer 2026 hat sich die Situation in nahezu allen zwölf Bezirken deutlich verschärft. Spielplätze, Parks, Schulhöfe und Sportanlagen mussten zeitweise gesperrt werden, während die Bezirke personell und finanziell an ihre Grenzen stoßen.

Foto: Karin Heilig/www.naturgucker.de

Bezirke fordern mehr Unterstützung vom Senat

Erstmals haben sich sämtliche Berliner Bezirke gemeinsam an die Senatsverwaltungen gewandt. Ihre zentrale Forderung: Der Eichenprozessionsspinner dürfe nicht länger ausschließlich als Pflanzenschutzproblem behandelt werden, sondern müsse als Gesundheitsgefahr eingestuft werden. Damit verbunden wäre die Möglichkeit einer anderen Finanzierung und einer stärkeren zentralen Koordinierung.


Die Bezirke verlangen insbesondere:

  • eine berlinweit koordinierte Bekämpfungsstrategie,
  • einheitliche Standards für den Umgang mit Befall,
  • zusätzliche finanzielle Mittel,
  • mehr Unterstützung durch die Senatsverwaltung sowie
  • eine stärkere Prävention bereits im Frühjahr.


Nach einem Krisentreffen im Juni blieb die operative Zuständigkeit zunächst zwar bei den Bezirken. Gleichzeitig kündigte die Senatsverwaltung an, Prävention, Beratung und Koordinierung künftig auszubauen.

Im Gespräch ist auch der Einsatz von Bioziden

Besonders diskutiert wird derzeit der Einsatz biologischer Pflanzenschutzmittel (Biozide bzw. Bioinsektizide auf Basis von Bacillus thuringiensis).


Grundsätzlich gelten diese Mittel als wirksam – allerdings nur in einem sehr kurzen Zeitfenster. Sie müssen ausgebracht werden, solange sich die Raupen noch in frühen Entwicklungsstadien befinden. Sind die Tiere bereits größer oder haben ihre giftigen Brennhaare entwickelt, hilft nur noch die mechanische Entfernung der Gespinste durch Spezialfirmen.


Die Berliner Bezirke sprechen sich daher nicht für einen flächendeckenden Biozideinsatz aus. Vielmehr wünschen sie sich die Möglichkeit, dort gezielt und frühzeitig einzugreifen, wo sensible Bereiche wie Schulen, Kitas, Spielplätze oder stark frequentierte Grünanlagen geschützt werden müssen. Gleichzeitig bestehen erhebliche naturschutzfachliche Bedenken, weil Bioinsektizide auch andere Schmetterlingsraupen treffen. Der NABU rät aus diesen Gründen vom Einsatz von Bioziden ab.


> Pflanzenschutzamt

Prävention statt Dauerbekämpfung

Großer Puppenräuber (Calosoma sycophanta) als Fressfeind des ESP gilt in Berlin als ausgestorben | Foto: pixabay

Immer stärker rückt deshalb eine langfristige ökologische Strategie in den Mittelpunkt. Ziel ist es, natürliche Gegenspieler des Eichenprozessionsspinners zu fördern und damit den Befallsdruck dauerhaft zu senken.


Zu den wichtigsten natürlichen Feinden gehören:


  • Meisen, insbesondere Kohl- und Blaumeisen, die junge Raupen verfüttern.
  • Kuckucke, die aufgrund ihrer besonderen Magenschleimhaut auch behaarte Raupen fressen können.
  • Fledermäuse, welche die ausgewachsenen Falter in der Nacht jagen.
  • Laufkäfer, Raubwanzen und verschiedene räuberische Insekten.
  • Schlupfwespen und Raupenfliegen, die ihre Eier in oder an den Raupen ablegen und deren Entwicklung stoppen.


Naturschutzverbände weisen seit Jahren darauf hin, dass strukturreiche Grünflächen, Hecken, Totholz und artenreiche Parks diese natürlichen Gegenspieler fördern und dadurch langfristig zur Regulierung beitragen können.


Nur langfristige Maßnahmen können helfen

Mehrere Kommunen in Deutschland kombinieren deshalb inzwischen klassische Bekämpfung mit ökologischer Prävention. So werden verstärkt Nistkästen für Meisen aufgehängt, Fledermausquartiere geschaffen und artenreiche Waldränder entwickelt. Auch in Berliner Bezirken laufen vereinzelt entsprechende Projekte in Kooperation mit Naturschutzverbänden und Grünflächenämtern.


Die Erfahrungen zeigen jedoch auch: Natürliche Feinde können einen akuten Massenbefall nicht kurzfristig stoppen. Sie leisten vielmehr einen wichtigen Beitrag dazu, Populationen langfristig zu stabilisieren und zukünftige Ausbrüche abzuschwächen.


Der Eichenprozessionsspinner ist also nicht allein mit technischen oder chemischen Maßnahmen dauerhaft in den Griff zu bekommen. Ebenso wichtig wie eine koordinierte Bekämpfung ist der Blick auf die Ursachen: Wo natürliche Kreisläufe aus dem Gleichgewicht geraten und die biologische Vielfalt abnimmt, fehlen häufig auch jene Arten, die Schädlinge auf natürliche Weise regulieren.


Ein intaktes ökologisches Gleichgewicht ist deshalb kein abstraktes Naturschutzziel, sondern eine wesentliche Voraussetzung für widerstandsfähige Stadtlandschaften. Artenreiche Grünflächen, vielfältig strukturierte Parks und Wälder sowie Lebensräume für Vögel, Fledermäuse, Käfer und andere Insekten stärken die natürlichen Regulationsmechanismen der Natur. Sie können Massenvermehrungen zwar nicht vollständig verhindern, tragen aber dazu bei, deren Ausmaß langfristig zu begrenzen.


Für Berlin bedeutet das: Neben einer besseren Zusammenarbeit zwischen Senat und Bezirken braucht es eine konsequente Förderung der Biodiversität als festen Bestandteil der Grünflächenpflege. Jede zusätzliche Nisthilfe, jede naturnah gestaltete Grünfläche und jeder erhaltene Lebensraum für Nützlinge ist zugleich eine Investition in die Gesundheit der Stadt, den Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger und eine nachhaltige Vorsorge gegen künftige Massenvermehrungen des Eichenprozessionsspinners.


Der wirksamste Pflanzenschutz beginnt deshalb nicht erst bei der Bekämpfung eines Schädlings, sondern bei der Förderung einer vielfältigen und stabilen Natur.

Artikel Teilen

weitere Artikel