VEREIN | von Annette Eni

18 Monate Zukunftslust

Eine persönliche Bilanz


Ich möchte heute nach 18 Monaten Zukunftslust und etwas über einem Jahr Vereinsarbeit meine persönliche Bilanz ziehen.

 

Bevor ich in medias res gehe sei vorausgeschickt: Ich habe 18 Monate an Zukunftslust gearbeitet, 40 und nicht selten 60 Stunden die Woche. Ich habe Familie, Arbeit und Privatleben auf ein Minimum reduziert, habe keinen Urlaub gemacht und teilweise bis zur Erschöpfung gearbeitet, um die Projekte und den Verein voranzubringen. –Aus für mich gutem Grund.

 

Als ich im Februar 2025 die Zukunftslust-Webseite anlegte, schrieb ich gleich im ersten Absatz „innerhalb der nächsten 5-10 Jahre zukunftsfähig aufzustellen“ und nahm damit die von führenden Klimaforschern, wie Johan Rockström vom PIK, begrenzte Zeitspanne, um die Erderwärmung auf ein beherrschbares Maß zu begrenzen und das sich schließende Zeitfenster der Kipppunkte, gedanklich als Maßstab. Dieser Halbsatz der Zeitangabe steht heute nicht mehr dort, weil er, sagen wir, zu „ambitioniert“ klang.

 

In den vergangen 18 Monaten wurde ich häufig gefragt, warum wir denn gleich sechs Handlungsfelder bearbeiten wollten und ob es nicht auch etwas kleiner ginge. Zugegeben der Handlungsrahmen und die zeitliche Zielsetzung waren bzw. sind ambitioniert, aber die ökologische Transformation muss ganzheitlich gedacht werden, denn vieles greift ineinander oder baut aufeinander auf, und wie gesagt, die zeitliche Vorgabe hat schlicht einen physikalischen Hintergrund.

 

Die von verschiedenen Seiten geäußerte Kritik an den umfassenden Handlungsfeldern und „ich sei zu schnell und wolle zu viel“ kann ich zwar verstehen, aber vor dem genannten Hintergrund sehe ich es, nach wie vor, als Notwendigkeit und die einzige Chance, die wir noch haben. Wir können es uns schlicht nicht leisten auf die Befindlichkeiten einzelner Protagonisten einzugehen, denn die Zeit haben wir definitiv nicht mehr.

Temperaturkarte vom 22. Juni 2026 um 19:30 Uhr

In medias res

Was haben wir in den vergangenen Monaten geschafft?

  • Zukunftslust ist eine bekannte Größe in Steglitz-Zehlendorf.
  • Zukunftslust hat über diverse Kommunikationsmaßnahmen und verschiedene Veranstaltungen für mehr Aufklärung und die Bewusstmachung der unterschiedlichen Problemstellungen (Wasser, Mobilität, Biodiversität, Wärme-/Energieerzeugung, Gesellschaft) gesorgt.
  • Zukunftslust hat Problemlösungen erarbeitet und angeboten.
  • Zukunftslust hat Menschen zusammengebracht, die bereit sind an den Lösungen zu arbeiten.
  • Der Verein wird von den Anwohnenden als Ansprechpartner für Probleme wahrgenommen.

 

Das ist großartig und wahrscheinlich mehr als andere Bürgerinitiativen in diesem kurzen Zeitraum geschafft haben. Aber was haben wir konkret erreicht und umgesetzt?

 

  • Wir haben einen Verein gegründet und sind 21 Mitglieder.
  • Wir haben begonnen Wildblumensäume auf öffentlichen Straßenland anzulegen. Um genau zu sein 4 Flächen. Dabei haben wir viel mehr Anwärter, die eine Fläche anlegen und pflegen wollen würden, aber es ist uns trotz gegenteiliger Versprechungen bisher nicht gelungen eine Kooperationsvereinbarung mit der Bezirksverwaltung zu schließen.
  • Wir haben Flächen für eine Entsiegelung verifiziert und angeboten diese vorzunehmen. Die Bezirksverwaltung hat das abgelehnt und es erfolgte auch kein lösungsorientiertes Gespräch.
  • Wir haben einen Vorschlag und ein erstes Konzept für eine emissionsfreie und kostengünstige Mobilität innerhalb des Kiezes ausgearbeitet und vorgelegt, aber es ist uns nicht gelungen mit der Bezirksverwaltung darüber ins Gespräch zu kommen und über die Voraussetzungen der Etablierung eines Kiez-Sharings zu sprechen.
  • Wir haben bereits im Frühjahr 2025 eine Umgestaltung der Gärtnerstraße angeregt und der Bezirksverwaltung präsentiert. Es wurde uns versprochen den Kiez in die Verkehrsanalyse miteinzubeziehen. Ob dies erfolgt ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Weitere Gespräche dazu fanden bisher nicht statt.
  • Wir sind dabei ein Wärmekonzept für den Kiez auszuarbeiten. Im Bezirksamt gibt es jedoch keinen Ansprechpartner, der sich dafür zuständig fühlt.
  • Wir haben eine FEIN-Förderung beantrag, um Räumlichkeiten anzumieten und damit einen festen Treffpunkt bieten zu können. Wir haben keinen Zuschlag erhalten.
  • Wir haben die Anwohnenden dazu aufgerufen eine Regentonnen-Sammelbestellung aufzugeben. Es gab zwei Rückmeldungen.

 

Wir haben großartige Ideen und Konzepte erarbeitet und sind weiterhin an der Ausarbeitung verschiedenster großer und kleiner Projekte. Damit haben wir eine hervorragende Grundlage geschaffen, die gesetzten Ziele der ökologischen Transformation anzugehen.

Was nun fehlt

Was nun fehlt ist die Kooperationsbereitschaft der Bezirksverwaltung und die Öffnung für eine konstruktive Zusammenarbeit mit Blick auf das große Ganze.


Statt zu erkennen, wie viel Potenzial in einer Zusammenarbeit steckt und diese zu nutzen, scheinen die meisten Bezirksvertreter unsere Initiative als zu fordernd, zu konkret oder nervig – sorry, aber mir fällt dazu kein passendes Wort ein – wahrzunehmen. Die Türen für Gespräche bleiben zumeist verschlossen. Dass das auch anderes geht, zeigt Charlottenburg-Wilmersdorf (siehe Artikel).

Vielleicht ist das auch verständlich, denn eigentlich sollten sich die Bezirksvertreter um all die vorsorgenden Konzepte hinsichtlich Hitzeschutz, blau-grüner Infrastruktur, Förderung der Biodiversität, Ernährungssicherheit, emissionsfrei Energie-/ Wärmeversorgung, Mobilität, usw. kümmern. – Das tun sie sicherlich auch, aber die Problemstellungen sind nun mal sehr komplex und der Verwaltungsapparat sehr träge. Sprich das notwendige Tempo bleibt aus und in der Wahrnehmung der Bürger:innen geschieht nichts oder zu wenig.

 

Daher erscheint eine Initiative wie Zukunftslust wahrscheinlich wie eine „dreiste“ Organisation, die (nicht gewählt) sich herausnimmt alles besser zu wissen oder zu machen eher als eine Art Störfaktor.


Die tendenzielle Ablehnung und mangelnde Gesprächsbereitschaft sind so gesehen auch irgendwie verständlich. 

Und nun?

Bisher hat sich Zukunftslust sehr diplomatisch gezeigt, hat immer wieder das Gespräch gesucht, ist auf die Befindlichkeiten der Akteure eingegangen und hat vieles nicht öffentlich gemacht bzw. nicht nach außen kommuniziert aus Angst, dann noch weniger Gehör zu finden.

 

Selbstverständlich bedarf es sehr viel Diplomatie, denn ohne die Zusammenarbeit mit den Behörden werden wir nichts erreichen bzw. bewegen können.

 

Die Frage ist nur, ob es nicht vielleicht etwas mehr kommunikativen oder aktiven Druck bedarf, um die Kooperationsbereitschaft der Verwaltung zu erhöhen. Das könnten z.B. Briefe von verschiedenen Bürger:innen zum gleichen Thema an die Verwaltung sein, das könnten kleine angemeldete Demonstrationen sein oder auch die offene Kommunikation von Tatsachen mittels Social Media und Pressemitteilungen. Auch könnte der Druck über die Einreichung von Vorhabenvorschlägen erhöht werden.

 

Die Meinungen dazu gehen innerhalb des Vereins auseinander, weshalb wir aus meiner Perspektive in Zukunft auf eine breiter angelegte Meinungsbildung angewiesen sind.

 

Hinzu kommt, dass wir mit 21 Mitgliedern keine repräsentative Größe darstellen und daher schlicht und ergreifend mehr werden müssen, denn am Ende hat ein Verein mit 200 Mitgliedern eine ganz andere Tragkraft.

Nur gemeinsam sind wir stark

Das heißt, wenn auch du der Auffassung bist, dass es mehr Tempo in der Transformation bedarf, dass die Kooperationsbereitschaft seitens der Verwaltung besser werden muss, die Gespräche konstruktiver und die sich daraus ergebenen Chancen genutzt werden sollten, dann dokumentiere das durch eine Mitgliedschaft bei Zukunftslust und beteilige dich an zukünftigen Umfragen oder Projekten.

Gemeinsam werden wir mehr erreichen.

Was folgt?

Zukunftslust wurde eingeladen, sich für den neuen Klimabeirat des Bezirks zu bewerben. Das ist ein wichtiger Schritt und wir hoffen, dass wir aufgenommen werden.

 

Zukunftslust wird sich zukünftig für gesamt Lichterfelde und Lankwitz einsetzen. Das Areal rund um den Marienplatz wird weiter gefasst und dient nur noch als Referenzkiez für Forschungsprojekte oder Reallabore.

 

Wir werden versuchen, die technischen Voraussetzungen für mehr Beteiligung zu schaffen und so auch Möglichkeiten für eigene Projektvorschläge eröffnen.

 

Jeder mit einer eigenen Projektidee oder Vorhaben, kann unter dem Schirm von Zukunftslust eigenverantwortlich im Sinne unserer Satzung agieren und die kommunikative Infrastruktur des Vereins nutzen.

 

Neben dem monatlichen Stammtisch werden wir weitere, regelmäßige, auch digitale, Austauschformate schaffen, die den Informationsfluss sicherstellen und der Meinungsabbildung dienen.

Mein persönliches Fazit

Wer vorangeht und handelt ist angreifbar. Wer sich in klein-klein übt und alles abwägt, der kommt nur langsam voran und verpasst zumeist den Anschluss. Die großen Aufgaben unserer Zeit erfordern ein mutiges Handeln und Umsetzen, eine positive Fehlerkultur und Konfliktbereitschaft sowie viel Durchhaltevermögen.


Mit dem Blick aufs große Ganze, ist für mich, bei aller Frustration, Rückschlägen und Querelen, Aufgeben keine Option.


Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Aktionismus von mehr Menschen, mehr Mut und Bereitschaft zu handeln, mehr Konstruktivität und Entschlossenheit und vor allen Dingen mehr Tempo. –Denn wir haben alles, aber Zeit haben wir nicht.


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